der Maler

 

„Rot und Schwarz in der Kartause von Halle
Der Maler Diethard Peterson“

von Dr. Kurt Fricke

Wenn man zum ersten Mal die Bilder von Diethard Peterson sieht, glaubt man sich in die Zeiten des Expressionismus zurückversetzt. In die Zeit von Karl Schmidt-Rottluff, Max Beckmann etc. Harte Farben, vornehmlich Schwarz und Rot dominieren, kantige Gesichter, oft nur angedeutet in chaotischen Sujets.

Der zweite Blick offenbart, nur scheinbar bedient sich Peterson im Expressionismusmalkasten. Wenn man diverse Kataloge durchblättert, findet man am Ende doch nichts, was als Zitat durchgehen könnte. Als Vorbilder im weitesten Sinn nennt Peterson dann auch keinen der noch eben Verdächtigten, sondern Namen wie Miró, Utrillo, Modigliani. Das verwundert zunächst, doch auch hier finden sich schließlich Lösungen. Der Schlüssel heißt Anregung, Basis, Überwindung, denn Peterson kopiert ja nicht, stellt sich nicht bewusst in eine Maltradition, sondern lässt sich inspirieren, um dann ganz eigene Resultate vorzuweisen. Und so mag etwa von Miró die Liebe zur Farbe sich in Petersons Werken wieder finden und von Modigliani die Neigung zum weiblichen Körper.

Peterson, Jahrgang 1954, ist Autodidakt. Nach dem Schulbesuch absolvierte er eine Elektrikerlehre, war danach als Plakatmaler tätig. Versuche, seine Leidenschaft akademisch schulen zu lassen, scheiterten; 1976 und 1978 wurden schon die Bewerbungen zur Aufnahmeprüfung an der Leipziger Grafikschule abgelehnt, Peterson hatte die Mitgliedschaft in der FDJ verneint. Der Musikliebhaber Peterson arbeitete nun, seit 1979, im Jugendkulturhaus „Philip Müller“, besser bekannt als „Schorre“, als Leiter für Bühnentechnik. Nach der Wende beteiligte er sich an der legendären Szenekneipe „Bolldorf“ in Halle, hier verdiente er seinen Lebensunterhalt, das Malen blieb aber Lebensinhalt. 2000 folgte dann der große Schnitt, das Kneipenleben wurde ad acta gelegt, alle Kraft fließt seitdem in die Malerei. Verschiedene Ausstellungen folgen – das Spektrum reicht von kleinen Cafés und Bars bis zu den Eingangshallen großer Firmen.

Begonnen hat Peterson mit Grafik – Landschaften und Architektur waren bevorzugte Motive, der Traum, vielleicht eines Tages als Buchillustrator zu arbeiten, war noch nicht ausgeträumt. Mit der Zeit greift er aber doch vermehrt zum Pinsel. Frühe Bilder zeigen noch einen starken Realitätsbezug, dazu gehören Porträts bekannter Rockgrößen, private Auftragswerke längst vergangener Zeiten, in denen die Möglichkeiten, seinen Heroen zu huldigen, stark eingeschränkt waren. Eine gute Praxisschule und ein noch besserer Nebenerwerb.

Peterson bleibt aber nicht stehen, seine Bildsprache ändert, die Farbpalette weitet sich. Anfang der 1970er Jahre verbringt er die Sommermonate in Rumänien und Bulgarien. Neue Eindrücke werden gewonnen, die wieder in seine Bilder fließen.

Ein Augenleiden vertiefte den Bruch zu dieser Phase. Peterson, zeitweise extrem kurzsichtig, schafft sich mit markanten schwarzen Linien ein Gerüst, ein Skelett für seine Werke, er strukturiert die Fläche, um sich so die Fähigkeit zum Malen zu erhalten. Und so nähert er sich formal eben auch den Expressionisten wie etwa Erich Heckel oder Ernst Ludwig Kirchner. Kräftige Farben, neben Schwarz und Rot auch Orange- und Grüntöne, prägen nun seine Werke.

Thematisch teilt sich sein Œuvre in zwei Areale. Da ist zum einen seine unmittelbare Lebenswirklichkeit, da sind Frauen in verschiedensten Posen, da sind Männer, die wie Ganoven wirken, da ist der Mikrokosmos der Kneipenwelt mit Kellnerinnen hinterm und Trinkern vorm Tresen. Und da ist seine nunmehrige Heimatstadt Halle, vor allem Kröllwitz mit seiner Kirche. Zum anderen verbeißt sich Peterson in Themen, die seinen persönlichen Interessen entstammen: Schiffe auf dem Meer, farbenprächtige Fische und zuweilen bösartig anmutende Elefanten, ganze Heerscharen von Harlekinen. Das Meiste davon ist aus der Erinnerung konzipiert, verschiedene Eindrücke verschmelzen im Atelier zu einer neuen Komposition auf dem Malgrund aus Leinwand, Sperrholz oder gar Blech.

Von all dem gibt es reichlich, denn Peterson malt im Akkord. Sein enormer Output definiert sich aber weniger als rauschhafte Besessenheit, sondern vielmehr als eine gelassene Disziplin – Malerei als Droge, als Lebensmedizin. Regelmäßig ist er in seinem Atelier in Kröllwitz, erweitert, verändert, korrigiert seine Bilder, nimmt eines von der Staffelei, sucht ein anderes wieder hervor, das ihm noch nicht vollendet scheint, wälzt schon wieder neue Ideen im Unterbewussten.

Denn immer ist er auch auf der Suche nach neuen Stoffen, die sich mit seiner Malauffassung bewältigen lassen. So tauchen Motive aus der Literatur und der antiken Mythologie auf, Don Quichotte und Sancho Pansa zum Beispiel und Paris mit dem Apfel. Und noch etwas treibt ihn um, die Mehrdeutigkeit des Geschehens. Wir glauben gemeinhin über viele Dinge Bescheid zu wissen, doch beruht dies häufig auf dem Festhalten an einem Standpunkt, verändert sich die Perspektive bricht vieles wie ein Kartenhaus zusammen. In seinem malerischen Schaffen ist Peterson der Chamäleonhaftigkeit der Welt auf den Fersen, sie zeigt sich in Bildern, die mehrere Blickwinkel zulassen. Man lässt sich auf ein Bild ein, nimmt die Farben und Formen in sich auf, versucht zu deuten, zu erkennen, Peterson kommt hinzu und dreht mit einem schelmischen Grinsen das Bild um 180°. „So geht´s auch.“ Die Dinge geraten aus dem Ruder, hat man sich täuschen lassen? Also erneutes Herantasten an das Werk, und siehe da, es funktioniert tatsächlich. Es erschließen sich neue Dimensionen, ohne dass das Bild quasi als optische Täuschung konzipiert wäre, vielmehr greift es auf das zurück, was auch in unserem Leben präsent ist: die Unmenge an Möglichkeiten.

Die permanente Produktion bedingt auch Wiederholung, aber sie lässt ebenso Platz für das Besondere, das Einmalige. Immer wieder gibt es in den „Serien“ Ausnahmen, schwarze Perlen, die das Auge zwingend anziehen. Da findet sich zwischen den schier unüberschaubaren Variationen zum weiblichen Geschlecht – oft alt, mit hartem Mund und toten Augen, oder aber verlockend jung, die Kellnerin hinter der Bar aus deren Hose aufreizend das blanke feste Fleisch ihres Hinterns hervorschielt – ein Mädchen bei der Morgentoilette, der schlanke Körper über das Waschbecken gebeugt. Eine Szene voller Anmut und Grazie, unwiderstehliche Schönheit im Alltag versteckt, ein Sammelsurium von Emotionen beim (hier männlichen) Betrachter auslösend: Sehnsucht, Schutzbedürfnisse, auch Verlangen, man möchte die Hand ausstrecken und die Unbekannte zum Leben erwecken können oder sich mit einem Sprung in das Bild, in ihre Welt katapultieren. Oder da ist das Bild einer mediterranen Schönheit, der Kopf vom vollen schwarzen Haar umsäumt; sie sitzt gedankenverloren mit verschränkten Händen in einem roten Kleid mit weißen Spitzen wie eine Ballerina – dabei schon fast an Edgar Degas gemahnend – auf einer angedeuteten Wiese. Wartet sie auf den Geliebten oder genießt sie einfach nur die warme Sommerluft?

Peterson macht Lust auf mehr. Das liegt an der ausdruckstarken Kraft seiner Bilder, er malt „mit Eiern“, wie er wohl selbst sagen würde, an den nachvollziehbaren Motiven, die dennoch nicht trivial oder platt sind, sondern in Petersons formaler Sprache ganz neue Seiten offenbaren. Seine Malerei ist somit auch Einladung zum Sehen, und zwar nicht nur in seinem Atelier in Kröllwitz, einem ehemaligen Getränkeladen in Kröllwitz, oder in seinen jeweiligen Ausstellungen, sondern zu einem aufmerksameren Entdecken der eigenen Umwelt, zu einem Hinschauen, das die Ästhetik des oft nur scheinbar grauen Alltags offenbart. Und so gibt der Maler schließlich auch von seinem Lebenselixier ab, dem Kunstfreund, der sich darauf einlässt, die Welt mit seinen Augen zu sehen, oder angeregt wird, den eigenen Blick zu schärfen.